Die Nacktschnecke. Zwei Gedichte von Wolfgang Haak und ein kurzer Kommentar (01.07.26)
plage
erst der schein, dann das sein:
nachbars stirnlampe gegen mitternacht:
jagd auf nacktschnecken –
behüte uns flora vor dieser muschpoke
von fauna – unkräuter reihenweise
niedergemäht und verflucht mit
zaubersprüchen aus ratgebern,
das geschliffene wurzelmesser
griffbereit.
später der frost unter leergefegten
futterhäusern, rosmarien, salbei und
thymian winterfest, grün,
und noch viel grüner als grün,
zeit für den bau von schneckenzäunen,
an denen der spaß endlich aufhören sollte,
obwohl nacktschnecken tiefgefroren
überwintern können.
gibt noch viel zu tun im hoheitsgebiet.
feststellung
der mensch an sich wird immer
grußloser und genauso unsozial
wie die nacktschnecken an sich.
der mensch allerdings,
wenn er ich sagt,
meint keinesfalls nacktschnecken.
Die oben stehenden Gedichte des Weimarer Schriftstellers Wolfgang Haak sind bisher nicht veröffentlicht. Sie haben, wie es oft in seinen zwischen Lyrik und Prosa schwebenden Kurztexten* der Fall ist, die Gabe des Dichters zu beängstigend genauer Beobachtung und Beschreibung zur Grundlage und öffnen dann die Tür zu einer – manchmal nur angedeuteten – anthropologischen Betrachtung.
In den Nacktschnecken-Texten steht die Haltung des zu allem entschlossenen Phänotypen des Homo Horticulturalis im Mittelpunkt:
Die mörderische Leidenschaft, mit der mancher Gartenfreund sich nachts der Schädlingsjagd hingibt, ist bedenkenswert. Selbstverständlich geht die Mordwut Hand in Hand mit dem als fraglos richtig und deshalb durchsetzungswürdig angesehen Ziel, Salat und Gemüse nicht mit den ohnehin stummen und schleimigen Schnecken teilen zu müssen. Es ist der Mensch, der allein entscheidet, was an Gottes Schöpfung zu leben verdient und was notfalls im Schutz der Dunkelheit abgemurkst werden darf. Der Mensch ist sich totensicher, dass ihm dieses Urteil zusteht. Die Nacktschnecken würden das vermutlich umgekehrt genauso sehen. Aber der Mensch, wenn er von sich spricht, hat die bedenkenswerten Parallelen zwischen seinem Reich und dem der Nacktschnecke schlicht nicht auf der Rechnung.
* Zuletzt erschienen: Wortlandschaften 2, Axel Dielmann-Verlag KG, Frankfurt am Main, 2025, Wortlandschaften 1, Axel Dielmann-Verlag KG, Frankfurt am Main, 2024; Verhaltene Botschaft, Gedichte, Edition Muschelkalk im Mitteldeutschen Verlag, Halle/Saale 2024. Immer lesenswert und voller Überraschungen die Webseite: https://www.whaak.de/