Eine Thüringer Feministin des 18. Jahrhunderts. Sidonia Hedwig Zäunemann (15.07.25)
Sie wurde am 15. Januar 1711 geboren und sie sollte viel bekannter sein als sie ist: Sidonia Hedwig Zäunemann. Sie war eine mutige, geistreiche und witzige Frauenrechtlerin – 200 Jahre, bevor es das Wort überhaupt gab. Heiraten lehnte die eigensinnige Tochter eines Erfurter Notars rundweg ab:
»Der Ehstand ist ein schwarzes Meer, worein viel trübe Wasser fliessen; Er ist ein herb- und bittrer Kohl. Kan ihn ein beissend Salz versüssen?«
Außerdem war sie eine Vorkämpferin für die Würde der Arbeiter, vor allem im Bergbau. In Ilmenau, nur ein paar Kilometer von dem Ort entfernt, an dem Goethe »Wanderers Nachtlied« schrieb, fuhr Sidonia Hedwig Zäunemann als erste deutsche Frau in ein Bergwerk ein. Kupfer und Silber wurden damals in Ilmenau abgebaut. Die zarte Sidonia kroch mit hartgesottenen Kumpels im Dreck unter Tage herum und schrieb ein Poem darüber, in dem sie den Beruf des Gruben-Kumpels mit dem des Soldaten vergleicht.
»Da unsre Eltern das Gebot
Im Paradiese übergangen;
So kam der Fluch: Ihr solt das Brod
Durch saure Müh und Schweiß erlangen.
Ja wohl trift dieses zu. Der Bergman trägt den Lohn
Nach naßen Kitteln, Müh und Schrecken,
Und Karren übern Arsch zu drecken,
Nach öftern Mord-Geschrey, an wenig Geld davon.
Von Noth und Kümmerniß, von Jammer-vollen Tagen;
Von Elend, Angst und Schmerz kan uns ein Bergmann sagen …
Ihr Helden! die ihr euch so sehr
Auf Degen, Stahl und Lager stützet,
Schaut, ob man unter Tag wofern nicht mehr,
Doch gleiche Tapferkeit besitzet? …
Wenn Helden nach der blutgen Schlacht
Die angenehmste Ruh genießen;
So läßt der Bergmann in dem Schacht
Den heisen Schweiß von Wangen fliessen.
Die Knapschaft hat stets Krieg, sie ruhet niemahls aus,
Drum grünt und blüht uns auch ein schöner Ehren-Strauß.«
Sidonia Hedwig Zäunemann reiste entgegen allen damaligen Gepflogenheiten bürgerlicher Frauen stets allein und hoch zu Ross, in Männerkleidung und mit Pistolen bewaffnet. Anstatt sich im Kochen, Häkeln und Flirten zu üben, las sie, wenn sie nicht gerade unter Tage war, Bücher, vor allem Gedichte und die Philosophen ihrer Zeit. Und so begann sie zu dichten. Und stellte – wohlgemerkt um 1730, also vor fast drei Jahrhunderten – die Frage, mit welchem Recht die Männer die Hoheitsmacht in der Wissenschaft beanspruchten:
»Auf die gelehrten Frauenzimmer
Madrigal.
Ihr Männer! Bildet euch nicht ein,
Als ob Vernunft, Verstand, Gelehrsamkeit und aufgeklärter Sinn
Solt euer Eigenthum und Erbrecht seyn;
Nein! warlich, der das Firmament gesetzt,
Der hat das Frauen-Volk nichts minder hoch geschätzt:
Und ihnen auch Verstand und Witz verliehen.
Es soll wie ihr, des hohen Geistes Gaben,
Auch im Besitze haben.
Drum muß ihr Lorber-Zweig, so wie der eure blühen.
Zörnet, tobet, lästert, neidet immerhin,
Ihr werdt es doch nicht hindern können,
Ihr solt und müßt denselben doch die Ehre gönnen!
Drum bildet euch ihr Männer ja nichts ein!«
Immerhin kürte die Universität Göttingen Sidonia Hedwig Zäunemann 1738 zur »poeta laureata«. Zwei Jahre später, am 11. Dezember 1740, kam die »lorbeergekrönte Dichterin« ums Leben. Ihre Abenteuerlust war ihr Verhängnis. Bei einem wagemutigen Sprung über einen Wildbach im Thüringer Wald ertrank sie am 11. Dezember 1740 mitsamt ihrem Pferd. Ein Gedenkstein im alten Kirchhof von Plaue südlich von Arnstadt erinnert an diese bestürzend mutige, kluge und beherzte Frau.
Ein Kalenderblatt des Deutschlandfunks zu Sidonia Hedwig Zäunemann finder sich unter https://www.deutschlandfunk.de/dichterin-zaeunemann-eine-der-mutigsten-deutschen-poetinnen-100.html