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Vier ohne Kopf. Mit zwei Zeichnungen von Walter Sachs (01.10.25)

 

Der französische Dichter Robert Desnos kam im Jahr 1900 in Paris zur Welt. Um 1920 begann er sich für den Dadaismus zu interessieren und erwies sich bald als hervorragendes Medium in den hypnotischen Séancen, die der Dadaisten-Papst André Bréton veranstaltete. Desnos schrieb Gedichte zum Vergnügen und verdiente sein Brot als Werbetexter für Radio und Kino. Als die Nazis Frankreich besetzten, ging er in den Widerstand. 1944 wurde er verhaftet und deportiert. Am 8. Juni 1945 starb er in Theresienstadt. Zuvor war er in mehreren Konzentrationslagern eingesperrt, eine Zeitlang auch in Buchenwald oberhalb von Weimar.

Das war wohl einer der Gründe, aus dem das Weimarer Museum Zwangsarbeit am 22. August 2025 einen Abend mit Werken von Robert Desnos organisierte. Leider habe ich die Veranstaltung verpasst. Das untenstehende Gedicht „Les Quatre sans cou“ – „Die kopflosen Vier“ oder „Vier ohne Kopf“ aus der Feder von Robert Desnos ist eine Mischung aus zerfleischender Grausamkeit und spielerisch leutseligem Humor – beklemmend und befreiend zugleich. Hier meine deutsche Fassung.

Robert Desnos
Vier ohne Kopf

Es waren Vier die hatten keinen Kopf mehr,
Vier denen man den Hals abgeschnitten hatte,
Man nannte sie die Vier ohne Kopf.

Wenn sie einen trinken gingen,
Im Café de la Place oder auf dem Boulevard,
Dann vergaßen die Kellner nie Trichter zu bringen.

Wenn sie aßen, das war eine blutige Angelegenheit,
Und alle vier sangen und schluchzten.
Wenn sie etwas liebten, dann war es Blut.

Wenn sie liefen, war es wie der Wind,
Wenn sie weinten, war es lebhaft,
Wenn sie schliefen, war es ohne Reue.

Wenn sie arbeiteten, war es bitter,
Wenn sie herumlungerten, war es beängstigend,
Wenn sie spielten, das war etwas anderes.

Wenn sie spielten, war es wie jeder,
Wie Sie und ich, Sie und wir und alle die anderen,
Wenn sie spielten, war es erstaunlich.

Aber wenn sie sprachen, war es von Liebe.
Für einen Kuß hätten sie alles gegeben,
Was ihnen noch geblieben war an Blut,

Ihre Hände hatten Linien ohne Zahl,
Die sich verloren in den Schatten
Wie Schienen im Wald.

Wenn sie sich setzten, dann war es majestätischer als Könige.
Und die Götzen verkrochen sich hinter den Kreuzen
Wenn sie an ihnen aufrecht vorübergingen.

Man hat jedem von ihnen seinen Kopf wiedergebracht
Mehr als zwanzig Mal, mehr als hundert Mal,
Man hatte sie auf der Jagd wiedergefunden oder auf der Kirmes.

Aber sie wollten sie niemals zurücknehmen,
Diese Köpfe, in denen ihre Augen glänzten,
In denen die Erinnerungen schliefen in ihren Hirnen.

Das war vielleicht nicht nach dem Geschmack
Der Hutmacher und der Zahnärzte,
Die Freude der einen ist eben das Leid der anderen.

Die Vier ohne Kopf leben immer noch, das ist sicher.
Ich kenne mindestens einen von ihnen
Vielleicht auch die drei anderen.

Der erste, das ist Anatole,
Der zweite, das ist Croquignole,
Der dritte, das ist Barbemolle,
Der vierte, das ist wieder Anatole.

Ich sehe sie immer seltener,
Denn es ist letztlich doch deprimierend,
Der häufige Verkehr mit so verschlagenen Leuten.

Meine Übersetzung bleibt hinter dem Anspielungsreichtum des Originals zurück. Im Französischen gibt es den fast sprichwörtlichen Ausdruck „Les quatre sans …“ („Die vier ohne …“ letztes Wort unausgesprochen) für den sogenannten „Elefantenbrunnen“ in Chambéry. Der Brunnen zeigt vier Elefanten von vorne (also ohne Hinterteile), so dass er im Volksmund den Spottnamen „Les quatre sans (culs)“,  zu Deutsch „Die vier ohne Arsch“ hat. Außerdem gibt es im Französischen eine Redensart, die sich wie „Les quatre sans coups“  anhört, aber anders geschrieben wird und auch etwas anderes bedeutet: „Les Quatre Cent Coups“ sind – wörtlich genommen – vierhundert Schläge. Der Ausdruck bezieht sich auf ein historisches Ereignis, nämlich die Anordnung eines Feldherrn aus dem Jahre 1621: Er befahl, zur Abschreckung des Gegners gleichzeitig aus 400 Kanonen zu schießen – umgangsspachlich wird damit der Fall gemeint, dass jemand die größtmögliche Anzahl von Dummheiten begeht, und zwar zeitgleich, also in einem Aufwasch. Francois Truffaut drehte 1958/59 übrigens einen Film mit diesem Titel (Deutsch: „Sie küssten und sie schlugen ihn“). Und abgesehen davon: Wenn in Paris von Kopflosigkeit die Rede ist, liegt der Gedanke an den Stadtheiligen Dionysius immer nahe, der sich, der Legende zufolge, kurz nach seiner Enthauptung (möglicherweise am 9. Oktober des Jahres 250 n. Chr.) mit dem eigenen Kopf unterm Arm auf den Weg vom Mont Martre nach St. Denis machte, um sich selbst zu beerdigen.

Und hier das französische Original:

Robert Desnos
Les Quatre sans cou

Ils étaient quatre qui n’avaient plus de tête,
Quatre à qui l’on avait coupé le cou,
On les appelait les quatre sans cou.

Quand ils buvaient un verre,
Au café de la place ou du boulevard,
Les garcons n’oubliaient pas d’apporter des entonnoirs.

Quand ils mageaient, c’était sanglant,
Et tous quatre chantant et sanglotant,
Quand ils aimaient, c’était du sang.

Quand ils couraient, c’était du vent,
Quand ils pleuraient, c’était vivant,
Quand ils dormaient, c’était sans regret.

Quand ils travaillaient, c’était méchant,
Quand ils rôdaient, c’était effrayant,
Quand ils jouaient, c’était différent,

Quand ils jouaient, c’était comme tout le monde,
Comme vous et moi, vous et nous et tous les autres,
Quand ils jouaient, c’était étonnant.

Mais quand ils parlaient, c’était d’amour.
Ils auraient pour un baiser
Donné ce qui leur restait de sang.

Leurs mains avaient des lignes sans nombre
Qui se perdaient parmi les ombres
Comme des rails dans la forêt.

Quand ils s’assaient, c’était plus majestueux que des rois
Et les idoles se cachaient derrière leurs croix
Quand devant elles ils passaient droits.

On leur avait rapporté leur tête
Plus de vingt fois, plus de sent fois,
Les ayant retrouvés à la chasse ou dans les fêtes,

Mais jamais ils ne voulurent reprendre
Ces têtes où brillaient leurs yeux,
Où les souvenirs dormaient dans leur cervelle.

Cela ne faisait peut-être pas l’affaire
Des chappeliers et des dentistes.
La gaieté des uns rend les autres tristes.

Les quatre sans cou vivent encore, c’est certain,
J’en connais au moins un
Et peut-être aussi les trois autres.

Le premier, c’est Anatole,
Le second, c’est Croquignole,
Le troisième, c’est Barbemolle,
Le quatrième, c’est encore Anatole.

Je les vois de moins en moins,
Car c’est déprimant, à la fin,
La fréquentation des gens trop malins.

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