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Weniger. Gastbeitrag von Herbert Küppers (15.09.25)

 

Mit Herbert Küppers bin ich in Köln zur Schule gegangen. Wir haben zusammen Abitur gemacht, das war 1968, das Jahr, nach dem eine ganze politisch linke bis anarchistische Bewegung benannt ist. Sind die 68er die pensionierten Spießer von heute? Herbert Küppers ist es jedenfalls nicht. Er ist eine 1-Personen-Bewegung geworden, ein Diogenes des 21. Jahrhunderts: Mit einem alten Deutz-Trecker fährt er Sommer für Sommer allein durch Deutschland. Mit einem Anhänger, auf dem als politische Botschaft nur ein Wort steht: »weniger«. Es ist eine humane, friedliche Botschaft, die mir gefällt. Sie besagt, so wie ich sie verstehe, in etwa: Leute, kommt runter! Runter von Eurer Immer-mehr-Masche, mit der Ihr die Welt verpestet, gedanklich, ökonomisch, ökologisch, juristisch, politisch, medial, philosophisch … Ob ich damit richtig liege, weiß ich nicht. Deshalb habe ich Herbert gebeten, seine Botschaft aufzuschreiben und mit einigen Bildern zu schmücken. Was er dankenswerter Weise getan hat.

weniger.

weniger freier wille. er scheint sich, bedenkt man neueste erkenntnisse, schlicht in wohlgefallen aufgelöst zu haben. wir sind eben, wie ich es ausdrücken möchte, handelnd gehandelte. im freien fall. von was auchimmer angezogen. die lichtgeschwindigkeit. ein mysterium. gegenwart, vergangenheit, zukunft … vielleicht eins. quantenverschränkung. spukhaft. quanten- und allgemeine relativitätstheorie:  offenbar unvereinbar. es könnte sein, dass es weder ein leben nach dem tod noch kein leben nach dem tod gibt, wie der bewusstseinsphilosoph thomas metzinger formuliert. letztlich wissen wir unendlich wenig. für eine antwort tauchen drei neue fragen auf. so weit wir aber sehen, waren für das menschentier gier, neid, aggressive dominanz und selbstbetrug entscheidende evolutionäre ressourcen, die uns gross haben werden lassen und die uns jetzt: umbringen. indem sie unsere lebensgrundlagen erschöpfen. es könnte sein, dass unser stolz, die aufklärung hierzulande,  unser kapitalistisch-ökologisches dilemma zu verantworten hat. gleichermassen steht zu vermuten, dass wir, ohne die errungenschaften der kapitalistischen wende, heute noch hinterm ochsen den acker pflügten und uns jeder fette schnupfen den garaus machen würde. nicht klima, nicht atom, nicht ki. ganz gross aufgespannt scheint eine grundlegende physikalische trägheit, die trägheit des menschlichen geistes und somit auch unserer gesellschaften, heute unser generalproblem zu sein.

unsere chancen scheinen  nicht gut. wenn dem so ist, dass in der »tiefenstruktur des menschliches geistes« (m.) ein gieriges, neidisches, aggressives »mehr« eingeschrieben ist und leidvermeidung das erste streben der fühlenden kreatur … dann müssen wir, so der vorschlag wieder des bewusstseinsphilosophen, salopp ausgedrückt, uns menschenaffen anderen zucker geben. der könnte heissen, dem »tatsächlich existierenden unsagbaren« (metzinger) nachzuspringen: meditation, könnte heissen lsd, könnte zu finden sein in den neuesten möglichkeiten der pharmazeuten, neurologen. von metaversen. darüber möchte metzinger eine gesellschaftliche debatte lostreten. für eine bewusstseinskultur, gegen unsere konsumkultur. im effekt müsste dieser nahrungswechsel zu weniger zeug führen. und mehr geist. punkt.

die herausforderung annehmen! sagt metzinger. seht ihr, wieviel metzinger gerade in meinem kopf steckt? aber es gab eine lange vormetzingerzeit. in der es allerdings schon meditation gab in meinem alltag. neben empörung über die fühllosigkeit der welt gegenüber anderen fühlenden oder einfach nur schönen kreaturen. aus diesem gemenge stieg irgendwann, hihi, das bild eines wenigerpunktschildes auf und mein satz: »weniger ist heute eine einfache lösung für viele komplexe probleme.« dazu das utopische gedankenspiel: es wäre gelungen, mittels anreizen und kluger regulierung zu erreichen, dass heute in jeder stinkenden blechkiste statt im schnitt 1,3 nasen, 2,3 nasen sässen. (ich denke, ihr seht nun die leeren parkplätze auf eurer gasse und geniesst täglich die luftig freien autorouten in eurer fahrgemeinschaft. und die rotweissen windspargel auf unseren höhen: verschwunden). dass die erhöhung auf 2,3 nasen, dass das unverzichtbare weniger das strukturproblem des kapitalismus, dass er auf wachstum angewiesen ist, verschärfen wird, ist klar. und auch die konsequenz für die sozialsysteme der zugehörigen staaten.

weniger punkt hat erstens eine starke dringlichkeit für sich, zweitens eine starke form. drittens hat es ein beachtliches provokationspotential. (und viertens die wahrscheinlichkeit des scheiterns.) genau acht jahre ist es jetzt, seit dem ersten schritt von weniger punkt auf die weltbühne. hihi. es hat seine form geschliffen und ist zu einem mobil gewachsen. hat sicher über tausend auftritte hingelegt und mehr als dreizehntausend strassenkilometer hinter sich gebracht. hat sich das wort performance verdient, ist kunst geworden, bilder in die köpfe der leute zu bringen. von einem typen, still auf plätzen und in einkaufsmeilen ein schild haltend, von einer niedlich altmodischen, fahrbaren plakatwand vor monumenten der zerstörung. zwei wortskulpturen.

im sommer bin ich mit meinem gespann zwischen sechs wochen und drei monaten in deutschland unterwegs, bis die herbstnächte kommen. befahre die kleinen strassen und trage das schild in die städte. ich habe einen gewissen spieltrieb und sicher genügend vergnüglich exhibitionistisches für dieses mein theater. und allerdings: die freiheit eines anhangslosen. aber allein auf der strasse leben ist kein camping. es ist fordernd, fordert deine ganze konzentration. du eckst an. es geht was kaputt. du hast zahnweh. der alte deutz verschluckt sich. sowas. musst gut organisiert sein und bist stets auf der suche. nach dem nächsten standplatz. nach der möglichkeit, deine abfälle loszuwerden, der letzten tanke im niemandsland. und nicht zuletzt nach gesellschaft. nach einem ende von fremdheit und ungeborgensein. dafür wirst du schon in euskirchen mit deinem kölner kennzeichen bestaunt, bist der tapfre treckerheld. in flensburg, berlin und füssen dann sowieso. es gibt gute gespräche ohne ende. zustimmung und sehrgern den satz: da machen wir ja nix dran.

15.8.25

ein cowboygedicht
und morgens schwarzen schmutz unter den nägeln.
und wieder hochsteigen den meter. schwungvoll auf diesen
morgenfeuchten sitz. und weithin schaun. und wildes rattern jetzt.
und hartes klopfen. das offen unbehauste.
an diesen so vielen  so fremden völlig freien
tagen. noch wirklich verlorngehn können.
und allein. an der endlos bröckelnden kante.
an irgendeiner buckligen chaussee.

jenseits der romantik sind die reibeflächen dieses unterwegsseins mein übungsfeld. auf was du vertrauen kannst, das dich trägt, dir kraft und klarheit gibt,  ist die menschliche fähigkeit, sich nach innen zu wenden, innezuhalten, loszulassen für momente, sage ich. und da ist nichts mysteriöses dran,  sagt m. das betrachten unseres geistes können wir entdecken. und üben. den tanz dieses, freifallend, handelnd gehandelten zu beschauen, irgendwie still und friedvoll mitzugehen. stehen mit schild, fahren mit dem gespann hat so eine wunderbar klare, ja losgelöste widerständigkeit.

foto: bodo p. schmitz, mutbürgerdokus

gerade aber spüre ich eine zunehmende ungeduld, unleidlichkeit in mir. sehe auf politischer ebene die rückwärtsbewegungen in klimadingen und kann die  ausreden der leute immer weniger hören. how can you sleep while your beds are burning? ja, es macht mich fassungslos, dass so viele, die allermeisten, gar nicht hinter die dinge schaunwollen. dass ihnen welterkennen am arsch vorbeigeht. immer nach dem nächsten kleinen genuss schnuppernd. und ich teile aus. ganz unpädagogisch vorwurfsvoll und handle mir böse blicke und verletztheiten ein. und ab und an kommt mir dann wieder ein reim.

4.9.25

sie tun so, als wär nichts. lassen sich bequem von ihren immer noch attraktiv gefüllten alltagen, von ihren gut gealterten sorgen schieben. geben sich mit einem fröhlich schwabbelnden glucksen ihren doch wirklich kleinen vergnügungen hin. so viele chancen, wach und würdevoll zu sein. und ihr entscheidet euch für diesen ewig fett auftrumpfenden schlummer.

tja.
was ich sagen will.
die welt ist so gemein und undurchschaubar.
aber das war sie ja immer schon.
und heute. haben wir vierzehntausend produkte beim rewe. jetzt. per knopfdruck zugang zu allen informationen. übernacht.  die neue playstation im haus.
aber das haben wir uns verdient.
ohne zu schaun, was das mit der welt machte.
wir sollten wenigstens mit anstand abtreten. das getan haben, was möglich war. die reste noch zusammenzuhalten.
das seid ihr euch schuldig. eurer würde.
freifallend doch verantwortlich.
wenn ihr auf die strassen geht, ändert ihr alles.

foto: herbert sauerwein, köln

wege entstehn, dadurch, dass du sie gehst.

 

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