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	<title>Horaz archivos - Christoph Schmitz-Scholemann Textarchiv</title>
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		<title>Totenklage. Für Wulf Kirsten  (15.12.22)</title>
		<link>https://christophschmitzscholemann.de/partisanen-2/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[GatoMonoDesign]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 14 Dec 2022 21:18:46 +0000</pubDate>
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		<category><![CDATA[Horaz]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Totenklage. Für Wulf Kirsten (15.12.22) Die meisten Philosophen und auch die christliche Lehre raten gegenüber dem Tod zu einer Haltung der Gelassenheit, des Einverständnisses mit dem schlechthin Unvermeidlichen. Das Christentum versucht uns damit zu trösten, dass der Tod nichts als ein Schlaf sei, eine schön verträumte Zwischenstation auf dem Weg zum ewigen Leben. Wenn wir [&#8230;]</p>
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<li></li>
</ul>
<h1 style="text-align: left;">Totenklage. Für Wulf Kirsten (15.12.22)</h1>
<p>Die meisten Philosophen und auch die christliche Lehre raten gegenüber dem Tod zu einer Haltung der Gelassenheit, des Einverständnisses mit dem schlechthin Unvermeidlichen. Das Christentum versucht uns damit zu trösten, dass der Tod nichts als ein Schlaf sei, eine schön verträumte Zwischenstation auf dem Weg zum ewigen Leben. Wenn wir das alles wirklich glauben würden, dann, müsste man ja eigentlich sagen, ist mit dem Sterben soweit alles in Ordnung und wir haben weiter nichts zu beweinen.</p>
<p>Aber wir wissen es besser: Spätestens, wenn wir erfahren, dass wir tatsächlich Abschied nehmen müssen, sind wir – allem Trost zum Trotz – unendlich verzweifelt. Das ist uns als Menschen eingeschrieben, und seit der Klage Achills um seinen Freund Patroklos in Homers Ilias kennt die abendländische Literatur die Totenklage als eigenes lyrisches Genre.</p>
<p>Der walisische Dichter Dylan Thomas (1914–1953) schrieb sein Gedicht „Do not go gentle into that good night“ beim Tode seines Vaters. Er stellt sich vor, sein Vater sitze auf dem Grabhügel, milde und gelassen lächelnd. Und diese gelassene Haltung macht den Sohn zornig. Die Botschaft ist: Niemand liebt die Todesnacht, weder der Weise noch der Tugendhafte, nicht der Dichter und nicht der Forscher. Wenn wir den „Tod des Lichts“ schon nicht besiegen können, dann wollen wir wenigstens wütend auf ihn sein, ihn hassen, verfluchen und gegen ihn rasen und toben bis zum letzten Atemzug.</p>
<p>Dylan Thomas: Do not go gentle into that good night</p>
<p>Do not go gentle into that good night,<br />
Old age should burn and rave at close of day;<br />
Rage, rage against the dying of the light.</p>
<p>Though wise men at their end know dark is right,<br />
Because their words had forked no lightning they<br />
Do not go gentle into that good night.</p>
<p>Good men, the last wave by, crying how bright<br />
Their frail deeds might have danced in a green bay,<br />
Rage, rage against the dying of the light.</p>
<p>Wild men who caught and sang the sun in flight,<br />
And learn, too late, they grieved it on its way,<br />
Do not go gentle into that good night.</p>
<p>Grave men, near death, who see with blinding sight<br />
Blind eyes could blaze like meteors and be gay,<br />
Rage, rage against the dying of the light.</p>
<p>And you, my father, there on the sad height,<br />
Curse, bless me now with your fierce tears, I pray.<br />
Do not go gentle into that good night.<br />
Rage, rage against the dying of the light.</p>
<p>Dylan Thomas: Geh nicht gelassen in die große Nacht</p>
<p>Geh nicht gelassen in die große Nacht,<br />
Sei wütend, brenne, Alter, wenn der Tag sich neigt,<br />
Tobe und rase und verfluch den Tod des Lichts!</p>
<p>Die Weisen wissen: Das Dunkel ist im Recht,<br />
Denn ihre Worte haben nichts erhellt, und doch:<br />
Sie gehen nicht gelassen in die große Nacht.</p>
<p>Die Guten, wenn die letzte Welle kommt, sie schrein,<br />
Weil ihre guten Taten untergingen in den Ozeanen, sie<br />
Toben und rasen und fluchen auf den Tod des Lichts.</p>
<p>Und die es wild getrieben haben und die Sonne<br />
Fangen wollten und nun bedauern, dass sie untergeht,<br />
Sie gehen nicht gelassen in die große Nacht.</p>
<p>Und Männer, die dem Grab schon nahe sind und blind,<br />
Wenn sie bemerken, dass auch blinde Augen Meteore blitzen sehen,<br />
Sie toben und rasen und fluchen auf den Tod des Lichts.</p>
<p>Und du, mein Vater, auf dem Sterbehügel,<br />
Fluche, segne mich mit deinen Tränen, ich bitte Dich:<br />
Geh nicht gelassen in die große Nacht,<br />
Tobe und rase, Fluch dem Tod des Lichts.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><!-- /wp:paragraph --></p>
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		<item>
		<title>Partisanen 4.0 – Rechtsbruch für einen guten Zweck?  (01.12.22)</title>
		<link>https://christophschmitzscholemann.de/partisanen/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[GatoMonoDesign]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 29 Nov 2022 18:02:14 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Neue Beiträge]]></category>
		<category><![CDATA[Horaz]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Partisanen 4.0 – Rechtsbruch für einen guten Zweck?  (01.12.22) Es ist eine sonderbare Debatte, die gegenwärtig das öffentliche Interesse beschäftigt: Ob man Gesetze einhalten muss? Versteht sich das nicht von selbst? Nicht für manche Klimaaktivisten. Sachbeschädigung und Nötigung sind für sie Straftaten, deren Begehung geradezu notwendig ist, um die Verwüstung unseres Planeten zu stoppen. Andere, [&#8230;]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<ul class="pdf_full">
<li><img decoding="async" class="aligncenter size-full wp-image-643" src="https://christophschmitzscholemann.de/wp-content/uploads/1992/08/full.png" alt="" width="37" height="36" /></li>
<li></li>
</ul>
<h1 style="text-align: left;">Partisanen 4.0 – Rechtsbruch für einen guten Zweck?  (01.12.22)</h1>
<p>Es ist eine sonderbare Debatte, die gegenwärtig das öffentliche Interesse beschäftigt: Ob man Gesetze einhalten muss? Versteht sich das nicht von selbst? Nicht für manche Klimaaktivisten. Sachbeschädigung und Nötigung sind für sie Straftaten, deren Begehung geradezu notwendig ist, um die Verwüstung unseres Planeten zu stoppen. Andere, wie zum Beispiel ein ehemaliger Verkehrsminister, der in seiner Amtszeit weder durch übertriebene Rechtstreue noch als Umweltfreund auffiel, fordern nun, die Leute von der »Letzten Generation« möglichst lange als »Kriminelle wegzusperren«, am besten wohl schon vorsorglich.</p>
<p>Wozu gibt es überhaupt Recht, fragt man sich. Gewiss doch nicht deshalb, um den Bürgerinnen und Bürgern die Möglichkeit zu geben, ihre Meinungsverschiedenheiten durch gezielten Rechtsbruch und völlig überzogene Drohungen auszutragen.</p>
<p>Recht ist ein Teil menschlicher Kultur, mindestens so schützenswert wie Kunst und Wissenschaft. Man braucht Gesetze und übrigens auch Gerichte, weil Recht und Gerechtigkeit von der Natur nicht mitgeliefert wurden. Anders als für die physische Welt gibt es für die gesellschaftlichen Beziehungen zwischen Menschen keine natürlichen, also von selbst wirkenden Gesetze. Das Recht wird daher von Menschen, gleichsam künstlich, geschaffen. Und es ist deshalb niemals vollkommen, auch wenn sich Gesetzgeber und Gerichte alle Mühe geben. Das Recht ist aber doch zu einem gar nicht so geringen Teil offenkundig gerecht, nämlich, wenn es Regeln ausspricht, die tief im Rechtsgefühl und in der Rechtsgeschichte ankern und ohne die ein Leben in Gesellschaft nicht möglich wäre. Diese elementaren Regeln, die in nahezu allen Rechtskulturen der Menschheit gelten, leiten sich aus der anthropologischen Einsicht ab, dass Menschen nicht allein leben können und das Leben in Gesellschaft die Achtung bestimmter Tabus fordert: Verbot von Körperverletzung, Beleidigung, Nötigung, Sachbeschädigung, Vergewaltigung, Mord, Diebstahl, Betrug, Urkundenfälschung etc. Wie wichtig diese Gesetze sind, erkennt man spätestens dann, wenn man selbst verletzt, bedroht, betrogen oder bestohlen wird.</p>
<p>Da natürlich kein Mensch weiß, wie perfekte Gerechtigkeit für alle aussieht, haben alle Gesetze Fehler, Lücken, Widersprüche etc. Allerdingss sagt die Erfahrung, dass Gemeinschaften von Menschen, wenn sie <em>keine</em> – selbst unvollkommene – von <em>allen anerkannten Gesetze</em> haben, sich in Racheorgien, Gewalt und Willkür auflösen. Deshalb ist die Achtung vor dem Gesetz nicht irgendein konservativer Spleen, sondern elementar wichtig.</p>
<p>Das gilt, obwohl der Gesetzesgehorsam als Prinzip eine Schwäche hat: Er funktioniert nur, solange sich auch die Staatsmacht daran bindet. In dem Moment, wo sie, wie in Diktaturen, sich selbst gezielt über Recht und Gerichte hinwegsetzt, kündigt sie die Grundlage der Pflicht zum Gesetzesgehorsam auf. Von solchen Verhältnissen sind wir in Deutschland heute zum Glück weit entfernt.</p>
<p>Dass man die Gesetze befolgen muss, nach denen Straßenblockaden und die Beschädigung von Kunstwerken strafbar sind, bestreiten die meisten Klimaaktivisten gar nicht. Sie wissen, dass sie dem Klima keinen unmittelbaren Hilfsdienst erweisen, wenn sie sich mit klimaschädlichen Klebemitteln festkleben, Kunstwerke zerstören und Verkehrsstaus povozieren. Sie tun bewusst Unrecht und wollen gerade durch den offenen Gesetzesbruch öffentliche Aufmerksamkeit erzeugen. Sie sind Partisanen 4.0: Ihre Waffen sind nicht Kalaschnikow und Handgranate, sondern die Schädigung ihrer Mitbürger, ferner Ketchup, Kartoffelpüree und eine hashtag-taugliche moralische Krawallrhetorik.</p>
<p>Sollte man sie deshalb schon vorsorglich einsperren, wie es manche fordern? Und die Gesetze verschärfen? Ich denke nicht. Denn ihr Unrecht besteht nicht in ihren Zielen, sondern in ihren Taten, für die auch sonst niemand <em>vorsorglich </em>»<em>weggesperrt</em>« wird: Andernfalls würden die Vollzugsanstalten schon von gewöhnlichen Sprayern und Anlagebetrügern aus den Nähten platzen. Sollte man die »Letzte Generation« umgekehrt wegen ihrer schönen Ziele besonders milde und liebevoll behandeln? Und ihnen z.B., wie es manche Blockierer fordern, ein Recht einräumen, behutsam von der Straße getragen zu werden? Nein. Keinesfalls. Sie müssen vielmehr genau so behandelt werden, wie jeder andere, der die gleichen Taten begeht: Wie das Gesetz es befiehlt.</p>
<p>Das Problem, ob man sich an Gesetze halten muss, deren Verletzung man für moralisch gerechtfertigt hält, ist übrigens alt. Vor rund 250 Jahren schrieb der französische Philosoph Denis Diderot eine als familiäre Plauderei verkleidete, sehr kurze Abhandlung mit dem Titel: »Gespräch eines Vaters mit seinen Kindern über die Frage, ob man Gesetze immer einhalten muss.« Darin schildert der Vater verschiedene Situationen, in denen der Konflikt auf die Spitze getrieben ist: Muss ein Arzt einen lebensgefährlich verletzten Mörder behandeln? Darf ein Notar ein offenkundig ungerechtes Testament verschwinden lassen? Darf ein Privatmensch gegen alles staatliche Recht eine Privatpolizei und ein Privatgericht betreiben, um für Ordnung zu sorgen? Wer dem Verlauf des Gesprächs aufmerksam folgt, ist immerzu hin- und hergerissen. Am Schluss sagt einer der Söhne zum Vater: Ob es nicht so sei, dass Gesetze immer auch Ausnahmen zuließen und dass die Aufgabe des Weisen darin bestehe, herauszufinden, ob ein Ausnahmefall vorliege. Und der Vater antwortet:</p>
<p>»Es würde mich nicht verdrießen, wenn in der Stadt zwei oder drei Bürger so klug wären wie du. Aber ich möchte nicht darin wohnen, wenn alle so dächten.«</p>
<p>Das heißt: Ausnahmen gibt es immer, <em>aber man kann die Dinge nicht auf den Kopf stellen. Der Gesetzesbruch kann niemals Regel oder Gewohnheit sein.</em> Und schon gar nicht in einem demokratischen Rechtsstaat, wo man alle Möglichkeiten hat, seinen Ansichten Gehör zu verschaffen. Man muss sich nicht auf die Straße kleben, mit Tomatensuppe auf Bilder werfen, Impfausweise fälschen usf., um seinem Herzen Luft zu machen. Im Gegenteil. Die Regel lautet, dass man Auseinandersetzungen in einem rechtlich organisierten Staat nicht mit Rempeleien, Zerstörungen, Fälschungen und Blockaden, sondern im Gespräch, in den Medien, mit Demonstrationen und notfalls vor Gericht führt. Das dauert zwar länger, wohl wahr, aber es gibt auch weniger Verletzte. Und genau das ist der Sinn des Rechts.</p>
<p><!-- /wp:paragraph --></p>
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			</item>
		<item>
		<title>Ein Grund, so bald wie möglich nach Montpellier zu fahren (15.11.22)</title>
		<link>https://christophschmitzscholemann.de/ein-grund-so-bald-wie/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[GatoMonoDesign]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 14 Nov 2022 21:49:14 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Neue Beiträge]]></category>
		<category><![CDATA[Horaz]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Ein Grund, so bald wie möglich nach Montpellier zu fahren (15.11.22) Der Grund hat zehn Buchstaben: Edgar Morin. So lautet der Name eines Mannes, mit dem die französische Zeitung Le Monde kürzlich (Ausgabe 3. Oktober 2022, S. 32/33) ein großes Interview führte. Seit ich es las, geht es mir nicht mehr aus dem Kopf. Edgar [&#8230;]</p>
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<li></li>
</ul>
<h1 style="text-align: left;">Ein Grund, so bald wie möglich nach Montpellier zu fahren (15.11.22)</h1>
<p>Der Grund hat zehn Buchstaben: Edgar Morin. So lautet der Name eines Mannes, mit dem die französische Zeitung <em>Le Monde</em> kürzlich <em>(Ausgabe 3. Oktober 2022, S. 32/33)</em> ein großes Interview führte. Seit ich es las, geht es mir nicht mehr aus dem Kopf.</p>
<p>Edgar Morin ist ein in Frankreich bekannter Philosoph. Sein in diesem Sommer erschienenes Buch »Réveillons-nous!« ( »Wachen wir auf!«) gab der Zeitung <em>Le Monde</em> Anlass für ein großes Interview. Darin verriet Morin, dass eine seiner Lieblingsbeschäftigungen darin besteht, morgens in den Straßen von Montpellier spazieren zu gehen, sich am Sonnenschein zu erfreuen und mit den Leuten auf der Straße zu sprechen. Man kann ihn also noch treffen, wenn man nach Montpellier fährt. Man sollte aber nicht zu lange warten. Edgar Morin ist 101 Jahre alt.</p>
<p>Zur Welt kam er 1921 in Paris. Seine Mutter sollte wegen eines Herzleidens eigentlich keine Kinder bekommen. Sie wurde trotzdem schwanger, der Arzt riet zur Abtreibung, die misslang. Als ihr Sohn Edgar 10 Jahre alt war, starb die Mutter. Morin studierte, wurde Kommunist und arbeitete in der Résistance. Dann löste er sich von den Ideen der stalinistischen Kommunisten, wurde aus der Partei geworfen und war später viele Jahre Forschungsdirektor bei der ERSC, einer der Max-Planck-Gesellschaft vergleichbaren großen französischen Forschungsorganisation.</p>
<p>Morins nach eigener Einschätzung wichtigstes Werk trägt den für Nichtwissensachaftler etwas langweilig klingenden Titel »Methode«. Inhaltlich hat das 6-bändige Werk aber eine beträchtliche Sprengkraft für den herkömmlichen Wissenschaftsbetrieb: Morin will in der Wissenschaft das Ende des Spezialistentums und der Expertenherrschaft; Wissen, sagt er, lässt sich nicht sinnvoll in einzelne Gebiete aufteilen; Philosophie und Physik, Poesie und Geographie, Rechtswissenschaft und Erziehungswissenschaft, Mechanik und Biologie, Medizin und Wirtschaftswissenschaft, alle Zweige des Wissens sind gewissermaßen Zweige eines Baumes und können nur in ihrer Komplexität richtig verstanden werden. In einem Essay »Über die Quellen der Poesie« beschreibt Morin die Zielrichtung seiner Methode der »Komplexität«: Sie richtet sich gegen die »Ausbreitung einer Form des monetarisierten, zeitmesserischen, zerteilenden, aufgliedernden, atomisierten Lebens, und nicht nur des Lebens, sondern auch einer Organisation des Denkens, in dem spezialisierte Experten für alle Probleme zuständig sind«. Diese aufgliedernde, auf Expertenwissen setzende Herangehensweise ist für Morin nicht überflüssig, aber zu einseitig. Der Blick auf die Komplexität des Ganzen sollte Methode werden: Er sollte auch die andere, poetische Seite des Menschen betrachten, mit offenen Sinn für Musik, Traum, Tanz, Mystik, Schönheit, Mythos, Überraschungen, Liebe und Freundschaft. Morin zitiert Hölderlin: »Dichterisch wohnet der Mensch.«</p>
<p>In dem Interview mit <em>Le Monde</em> erfährt man noch eine Menge aus dem Leben Morins. Dass sein Onkel in Auschwitz ermordet wurde. Dass er selbst nach dem Krieg eine Zeitlang in der Verwaltung der französischen Besatzung in Deutschland arbeitete. Dass er sein ganzes Leben lang von seiner Mutter geträumt hat. Dass er sich mit 89 Jahren neu verliebte und auf die Frage, ob er glücklich sei, antwortet:</p>
<p>»›Das Glück hängt immer von externen und internen Faktoren ab. Je größer es ist, desto zerbrechlicher ist es. Der geliebte Mensch kann plötzlich verschwinden, er kann Dich verlassen oder sterben … Ich hatte sehr glückliche Augenblicke, aber ist deshalb mein Leben glücklich? Das kann ich Ihnen nicht sagen. Mein Leben kannte Leiden und Glücksmomente, schlechte Zeiten, Irrtümer, Umherirren. Ich würde lieber auf eine andere Frage antworten, die Frage nach der Poesie des Lebens – z.B. das Überströmen, das Gemeinschaftsgefühl, die Genussfreude, denn die Poesie ist die Hauptquelle des Glücks.‹</p>
<p>›Also, wie soll man leben?‹</p>
<p>›Poetisch leben. Partei ergreifen für Eros (Liebe, die vereint) gegen Thanatos (Tod, der zerstört). Was ich jetzt gerade versuche, das ist nicht zu <em>über</em>leben, sondern ich versuche zu<em> leben</em>. Das ist ein Vergnügen, eine Lust, morgens rauszugehen in die kleinen sonnigen Fußgängerstraßen von Montpellier, Leute zu treffen, mit denen ich spreche.‹«</p>
<p><!-- /wp:paragraph --></p>
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			</item>
		<item>
		<title>Ein Hoch auf die Anästhesie! Zu einem Gedicht von Jules Verne (01.11.22)</title>
		<link>https://christophschmitzscholemann.de/ein-hoch-auf-die-anaesthesie/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[GatoMonoDesign]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 31 Oct 2022 19:09:32 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Neue Beiträge]]></category>
		<category><![CDATA[Horaz]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Ein Hoch auf die Anästhesie! Zu einem Gedicht von Jules Verne (01.11.22) Manchmal ist der Schmerz zu groß, als dass man Zeit hätte, sich mit der Bekämpfung der Ursachen aufzuhalten. Dann schlägt die Stunde der Betäubungsmittel. Es ist wahr, sie ändern an den tieferen Ursachen meist nichts, ebenso wahr ist, dass das Gespenst der Sucht [&#8230;]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<ul class="pdf_full">
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<li></li>
</ul>
<h1 style="text-align: left;">Ein Hoch auf die Anästhesie! Zu einem Gedicht von Jules Verne (01.11.22)</h1>
<p>Manchmal ist der Schmerz zu groß, als dass man Zeit hätte, sich mit der Bekämpfung der Ursachen aufzuhalten. Dann schlägt die Stunde der Betäubungsmittel. Es ist wahr, sie ändern an den tieferen Ursachen meist nichts, ebenso wahr ist, dass das Gespenst der Sucht um die Ecke schielt. Und doch, wer jemals unter schweren Schmerzen litt, weiß die Wirkung schneller medizinischer Hilfe durch eine Schmerzspritze zu schätzen.</p>
<p>Der als Romancier bis heute berühmte Jules Verne (1828–1905), der das untenstehende Gedicht schrieb, hatte mehr Schmerzerfahrung als ihm lieb war: Mit klassisch gebauten Sonetten bekämpfte er als junger Mann seinen Liebesschmerz. In späteren Jahren lernte er unfreiwillig die Wirkung von Opiumgaben schätzen. Als ihn ein Verwandter mit der Pistole niederschoss, musste Verne sich einer langwierigen Behandlung der schlecht heilenden Wunde unterziehen, was immer wieder  Krankenhausaufenthalte mit sich brachte.</p>
<p>A la Morphine</p>
<p>Prends, s&#8217;il le faut, docteur, les ailes de Mercure<br />
Pour m&#8217;apporter plus tôt ton baume précieux!<br />
Le moment est venu de faire la piqûre<br />
Qui, de ce lit d&#8217;enfer, m&#8217;enlève vers les cieux.</p>
<p>Merci, docteur, merci ! qu&#8217;importe que la cure<br />
Maintenant se prolonge en des jours ennuyeux!<br />
Le divin baume est là, si divin qu&#8217;Epicure<br />
Aurait dû l&#8217;inventer pour l&#8217;usage des Dieux!</p>
<p>Je le sens qui circule, qui me pénètre!<br />
De l&#8217;esprit et du corps ineffable bien-être,<br />
C&#8217;est le calme absolu dans la sérénité.</p>
<p>Ah! perce-moi cent fois de ton aiguille fine<br />
Et je te bénirai cent fois, Sainte Morphine,<br />
Dont Esculape eût fait une Divinité.</p>
<p>Lob des Morphiums</p>
<p>Oh, eile, Arzt, und leg Dir, wenn es sein muss, Flügel an,<br />
Weil ich nicht ohne jenes Glücksgift leben kann.<br />
Die Zeit ist reif: Oh setze mir die Wunderspritze!<br />
Dass ich aus diesem Höllenbett entschwebe in die Himmelsspitze!</p>
<p>Ja, Danke, Doktor! Denn Du bist mein Retter,<br />
Auch wenn die Wundheilung sich nun ein wenig<br />
In die Länge zieht, der Zaubertrank ist hier und ich bin König,<br />
Mehr noch, es ist ein Balsam zum Gebrauch der Götter!</p>
<p>Ich spüre, wie es zirkuliert und wie es mich durchdringt<br />
Und Geist und Körper Glück und Wonne bringt.<br />
Ich fühle nichts als Heiterkeit durchtränkt vom Seelenadel</p>
<p>Tiefer Ruhe. Durchbohr mich hundertmal, Du feine Nadel,<br />
Ich will Dich hundert Male segnen, seliges Morphin!<br />
Du bist die Göttin selbst, die Heilige der Medizin!</p>
<p><em>Die Kenntnis von Jules Verne’s lyrischem Schaffen verdanke ich der Lektüre des spannenden und überaus faktenreichen Buchs von Ralf Junkerjürgen: „Jules Verne“, Wissenschaftliche Buchgesellschaft, wbg Theiss 2018, 272 Seiten, ISBN-10 ‎ 3806237468.</em></p>
<p><!-- /wp:paragraph --></p>
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			</item>
		<item>
		<title>»Der Staatsmann klingelt, der Vorhang geht auf: Krieg!« (15.10.22)</title>
		<link>https://christophschmitzscholemann.de/der-staatsmann-klingelt/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[GatoMonoDesign]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 12 Oct 2022 20:15:10 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Neue Beiträge]]></category>
		<category><![CDATA[Horaz]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>»Der Staatsmann klingelt, der Vorhang geht auf: Krieg!« (15.10.22) Gastbeitrag von Walter Serner »Die Welt ist langweilig. Die Tatsache ist ebenso unbestreitbar wie ungenügend verbreitet. Als das erste Gehirn auf den Globus geriet, erstaunte es über seine Anwesenheit und wußte mit sich und der Welt nichts anzufangen. Inzwischen hat man sich an das Gehirn gewöhnt, [&#8230;]</p>
<p>La entrada <a href="https://christophschmitzscholemann.de/der-staatsmann-klingelt/">»Der Staatsmann klingelt, der Vorhang geht auf: Krieg!« (15.10.22)</a> se publicó primero en <a href="https://christophschmitzscholemann.de">Christoph Schmitz-Scholemann Textarchiv</a>.</p>
]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<ul class="pdf_full">
<li><img loading="lazy" decoding="async" class="aligncenter size-full wp-image-643" src="https://christophschmitzscholemann.de/wp-content/uploads/1992/08/full.png" alt="" width="37" height="36" /></li>
<li></li>
</ul>
<h1 style="text-align: left;">»Der Staatsmann klingelt, der Vorhang geht auf: Krieg!« (15.10.22)</h1>
<p><em>Gastbeitrag von Walter Serner<br />
</em></p>
<p>»Die Welt ist langweilig.</p>
<p>Die Tatsache ist ebenso unbestreitbar wie ungenügend verbreitet. Als das erste Gehirn auf den Globus geriet, erstaunte es über seine Anwesenheit und wußte mit sich und der Welt nichts anzufangen. Inzwischen hat man sich an das Gehirn gewöhnt, indem man es ignoriert, aus sich einen Geschäftemacher gemacht und aus der Welt ein Theater. Dieser immerhin nicht sonderlich heroische Ausweg aus einem sehr unterschätzten Dilemma ist gleichwohl nicht uninteressant und vollends unabsehbar.</p>
<p>Denn nachweisbar fällt es manchem kräftigen Lokomotivführer jährlich wenigstens einmal ein, daß seine Beziehungen zur Lokomotive durchaus nicht zwingend sind und daß er von seiner Ehefrau nicht viel mehr weiß als nach jener warmen Nacht im Stadtpark. Und manch einer, der sich mehrfach sein Leben und Hab und Gut versichern läßt, bekommt im Bett eine Gänsehaut, wenn ihn ein böser Traum rüttelt und daran erinnert, daß er im Grunde nicht weiß, wofür er wuchert.</p>
<p>Und kommt es besonders intensiv, so ist dem Menschen verteufelt unklar, warum er gerade jetzt im Zimmer steht und raucht, in ein Schaufenster glotzt und schnuppert, sich reden hört und die Lippen kräuselt, herumtrillert und seine Hand liebkost. In diesen harmlosen Fällen ist die Möglichkeit, daß das penetrante Gefühl der Langeweile zu einem Gedanken über ihre Ursache sich erhebt, am größten. Solch ein Augenblick gebiert den Desperado (hoppla!), der als Prophet, Hochstapler, Künstler, Anarchist oder Staatsmann Unfug treibt. Napoleon, ein doch wirklich tüchtiger Jung, behauptete unverantwortlicherweise, der wahre Beruf des Menschen sei, den Acker zu bestellen. Wieso? Fiel ein Pflug vom Himmel? Sohin also: auch er, der ansonsten sehr erfreulich frische Hemmungslosigkeiten äußerte, war streckenweise Stimmungsathlet.</p>
<p>Schade. Sehr Schade. Der jeweilige Zustand der bewohnten Erdoberfläche ist also lediglich das folgerichtige Ergebnis einer unerträglich gewordenen Langeweile. Nur von diesem Ende aus ist es zu verstehen, daß Millionen Menschen dem Wink Einzelner, einander totzuschlagen, demütig, willig, oft sogar begeistert gehorchen. Sie wissen im Grunde eben nicht, wozu sie eigentlich da sind, was war und werden soll. Sie ahnen vielleicht dumpf, daß die Regisseure ihres Schlachtfeldtodes dieses Schauspiel ja nur inszenieren, weil auch sie mit sich nichts anzufangen wissen und lediglich die größere Kraft mitbekamen, die Langeweile erfolgreicher und ausgiebiger sich zu vertreiben.</p>
<p>Und siehe: Gestank kommt in die Welt und wird immer dicker. Alles wird selbstverständlich. Man lügt, betrügt, säuft, schläft bei, betet, ist je nach dem Erfordernis Diplomat oder Regierungsrat, Sänger oder Soldat und ähnliches, da allein diese vielseitigen Tätigkeiten einem sein ganz enormes Zerstreuungsbedürfnis befriedigen können. Aber das geschickte Gespenst der Langeweile steht immer hinter allem und fängt sich schließlich mit einem kurzen Griff die ganze Bande.</p>
<p>Der Staatsmann klingelt, der Vorhang geht auf: Krieg!</p>
<p>Die Menschen in den Städten rennen durcheinander, erschreckt, kopflos, verwirrt. Wo ist ein Halt? Ein Feststehendes? Ein Zweck? Ein Ende? Aber das Arrangement ist gut: die Zeitungen schreien Hurrah und telephonieren mit dem Ministerium wegen der Motivierungs-Phraseologie; Musik zieht auf und ersäuft jede Änderung; große Reden werden auskalkuliert, historisch-wertvoll gefeilt und in die nun berauschte Menge geträufelt; und der liebe Gott wird persönlich bemüht, das Schlachten zu protegieren. Und alsbald, nach dieser tiefangelegten Reklame, platzen die ersten Granaten. Der Staatsmann in seiner Loge hat nun sein Spektakel, die Menschheit einen grausigen Zeitvertreib, und der große Tod, der Hunderttausende erlöst, verneigt sich vor der Langeweile, die schon nach dem ersten Akt Zuschauer und Akteure wieder befällt.</p>
<p>Ja, die Welt ist langweilig. Der Zeitpunkt, diese unbestreitbare Tatsache sich ganz zu eigen zu machen, ist günstig. Ich erhoffe mir von ihrer allgemeinen Verbreitung die wirksamste Bekämpfung der Langeweile.«</p>
<p>*<em>Walter Serner (eigentlich Walter Eduard Seligmann) wurde 1889 in Karlsbad geboren und 1942 von den Nazis ermordet. Er war von Ausbildung Jurist und wurde als dadaistischer Schriftsteller bekannt. Eines seiner bis heute meistgelesenen Werke ist der 1915 – also im zweiten Jahre des Ersten Weltkriegs – erschienene Essay »Letzte Lockerung«, aus der die oben wiedergegebene Passage stammt. </em></p>
<p><em>Mehr zu Serner hier: https://christophschmitzscholemann.de/walter-serner-zum-100-geburtstag</em></p>
<p><!-- /wp:paragraph --></p>
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		<title>Wiedergelesen: Ein Kriegsroman von Saša Stanišić (01.10.22)</title>
		<link>https://christophschmitzscholemann.de/wiedergelesen/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[GatoMonoDesign]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 30 Sep 2022 18:55:36 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Neue Beiträge]]></category>
		<category><![CDATA[Horaz]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Wiedergelesen: Ein Kriegsroman von Saša Stanišić (01.10.22) Gastbeitrag von Ulrike Brune „Wie der Soldat das Grammophon repariert“ heißt der faszinierende, 2006 erschienene Debutroman des damals gerade 28-jährigen Saša Stanišić. Die Handlung spielt in Stanišićs bosnischem Geburtsort Višegrad an der Drina. Die sie überspannende steinerne Bogenbrücke, über deren Bau Ivo Andrić seinen berühmten Roman geschrieben hat, [&#8230;]</p>
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<li></li>
</ul>
<h1 style="text-align: left;">Wiedergelesen: Ein Kriegsroman von Saša Stanišić (01.10.22)</h1>
<p><em>Gastbeitrag von Ulrike Brune</em></p>
<p>„Wie der Soldat das Grammophon repariert“ heißt der faszinierende, 2006 erschienene Debutroman des damals gerade 28-jährigen Saša Stanišić. Die Handlung spielt in Stanišićs bosnischem Geburtsort Višegrad an der Drina. Die sie überspannende steinerne Bogenbrücke, über deren Bau Ivo Andrić seinen berühmten Roman geschrieben hat, spielt auch bei Stanišić eine Hauptrolle.</p>
<p>Višegrad, so hat es das UN-Kriegsverbrechertribunal für Ex-Jugoslawien formuliert, war 1992 „einer der umfassendsten und skrupellosesten Kampagnen ethnischer Säuberung im bosnischen Konflikt ausgesetzt.“ Um den Beginn dieses Genozids geht es in „Wie der Soldat das Grammophon repariert“. Erzählt wird aus der Sicht des 14-jährigen Aleksandar. Dessen überbordende Fantasie und seine fast anarchische Bildersprache machen das schreckliche Kriegsgeschehen nicht besser, aber sie fügen ihm eine Dimension der Hoffnung hinzu.</p>
<p>Aleksandar wird inmitten einer quirligen bosnisch-serbischen Großfamilie groß und denkt sich die Welt dank Zauberhut und -stab einfach schöner aus. Deshalb kann man dieses Kriegsbuch auch zu Ende lesen, ohne zu verzweifeln.</p>
<p>Der gewaltige Familien-Clan trifft sich gleich zu Beginn des Romans, kurz vor dem Krieg, weil Opa Slavko gestorben ist. So tritt z.B. Tante Gordana auf, die „achtmal schneller läuft und vierzehnmal hektischer redet“ als normale Menschen und deshalb Taifun genannt wird, und wir lernen Onkel Bora kennen, der so viel wiegt, „wie meine Urgroßeltern alt sind.“ Opa Slavko hat Alexandar nicht nur das Schwimmen unter der Bogenbrücke beigebracht, sondern auch das Angeln und die Verehrung des Genossen Tito, der 1991 noch in allen jugoslawischen Schulzimmern hing. Obwohl „Opas Tod … das Gegenteiligste von Sommer (ist)“, geht das bunte Leben natürlich weiter, es wird bei jeder Gelegenheit gefeiert, köstlich geschlemmt und viel getrunken. Hackfleischpflaumen, Fußball, Angeln und Frauen sind die allgegenwärtigen Themen, und zu jedem kann Stanišić wundervolle Anekdoten erzählen. Aber der Krieg kommt, er schleicht sich ein in jede seiner Geschichten, auch in die von dem gehörnten Schiedsrichter Pavlovic, genannt Walross, der die rothaarige Milica in einem geklauten Centrotrans-Bus nach Visegrád mitbringt. „Ich bin zurück, mir ist der Krieg auf den Fersen, erzählte Walross von seiner Reise, der letzten, so sagte er, die man für lange Zeit so voller Sorgen und doch so sorglos gemacht haben wird in diesem Land.“</p>
<p>Dann kommt der Krieg, ohne Vorwarnung und ohne, dass Aleksandar ihn erklären könnte, er beobachtet ihn wie durch ein Loch im Zaun, mit großen Augen und Ohren. Der sprühende Humor und die überbordende Lebensfreude erlahmen, denn es ist nichts mehr komisch. Der Umzug der Familie in den Keller, als die Bombeneinschläge näher kommen, erscheint Aleksandar selbstverständlich. Am Tag spielen die Kinder jetzt Krieg:</p>
<p>„Die Einschläge der Artillerie und das Gekläff der Maschinengewehre kann Edin am besten nachahmen. Deshalb will ihn jede Mannschaft für sich haben, wenn wir Artillerie im Keller spielen.“</p>
<p>Die feindlichen Soldaten besetzen und verwüsten das Haus, und die kleine verwaiste Asja, die sich auf dem Speicher versteckt, „weint, weil Soldatenfäuste nach Eisen riechen und niemals nach Seife. Weil den Soldaten die Gewehre um die Nacken baumeln und Türen unter ihren Tritten nachgeben, als gebe es keine Schlösser. Sie weint, denn so hatten Soldaten auch in Asjas Dorf die Türen eingeschlagen, …“.</p>
<p>In der Beschreibung eines Fußballspiels zwischen den verfeindeten Parteien mitten im Stellungskrieg, das mit der Erschießung der bosnischen Soldaten endet, gelingt es Stanišić, den ganzen Irrsinn und die schonungslose Grausamkeit des Kriegs auf den Punkt zu bringen: „Die Sonne warf lange Baumschatten auf die Lichtung hinter Gottes Füßen, hinter Gottes Füßen in Soldatenstiefeln, hinter Gottes Füßen, an denen Blasen trieben, hinter Gottes dribbelnden Füßen“.</p>
<p>Aleksandar und seine Eltern können nach Deutschland fliehen und entkommen so dem Inferno. In Essen, wo sie ein kleines Zimmer bei Aleksandars Onkel bewohnen, fühlen sie sich nicht willkommen. Aleksander lernt schnell Deutsch, er „sammelt“ die deutsche Sprache. Sein Aufsatz zum Thema „Essen, ich habe dich gern“, wird allerdings zur Lachnummer, weil er darin die Zubereitung von Börek beschreibt.</p>
<p>„Ganz Essen“, resümiert er, „ist eigentlich eine Riesengarage und man möchte dem Unkraut zwischen den Bordsteinen danken, dass es hier aushält“.</p>
<p>Aleksandars Sehnsucht nach seiner unbeschwerten Kindheit in Visegrád mündet in immer fantastischere Geschichten, z.B. von dem mindestens zwei Meter langen Wels, den er nach einem abenteuerlichen Kampf mithilfe seiner beiden Freunde Hasan und Sead aus der Drina holt und schließlich doch wieder freilässt.</p>
<p>„Und, was hast du behalten?, fragt Opa. Den Tag, sage ich und sehe ihn an.“</p>
<p>Oder seine Erlebnisse mit dem aus Italien geholten Staudammingenieur Francesco, in den sich Aleksandars Mutter verguckt:</p>
<p>„Die Kirsche und die Wangen meiner Mutter blühten wie selten, also beschloss ich, mich mit Francesco entweder anzufreunden, oder ihn fortzujagen. … Ich zeigte auf den Ball, dann auf ihn, und sagte: Dino Zoff*. Die Wette war einfach: hielt Francesco mindestens drei meiner fünf Schüsse, durfte er bleiben. Hielt er zwei oder nur einen, musste ich seine Pläne verbrennen und seine Zirkel und sein Unterhemd im Garten bei den Erdbeeren vergraben &#8230; So wurden Francesco und ich Freunde …, also brachte ich ihm gleich am ersten Abend, nachdem er alle meine Schüsse mit Leichtigkeit gehalten hatte, einiges bei.“</p>
<p>An Asja, die nicht nach Deutschland mitkommen konnte, schreibt Aleksandar viele unbeantwortete Briefe. 2002 kehrt er in das kriegszerstörte Visegrád zurück, um sie zu finden. Schnell wird klar, dass sein Zuhause und alles das, was seine Kindheit so besonders gemacht hat, nur noch in seinen Gedanken existiert.</p>
<p>Durch seine funkelnde, märchenhafte Sprache und die besondere, nur teilweise chronologische Erzählstruktur schafft es Stanišić, ein eindrucksvolles Bild von dem unaussprechlichen Grauen des Kriegs zu zeichnen.</p>
<p>*Dino Zoff: Legendärer italienischer Fußballtorwart</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><!-- /wp:paragraph --></p>
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		<title>prueba-Zwischen Berg und tiefem, tiefem Tal (01.09.22)</title>
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		<pubDate>Sun, 11 Sep 2022 03:13:56 +0000</pubDate>
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		<category><![CDATA[Horaz]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>  -Alles wird anders! – Die Metamorphosen des Ovid, Folge 11: Apoll und Daphne – Liebeskunst und Lorbeerschmuck Met. I, 452–567 (01.07.22)   Lorbeer ist gesund, sein Öl kann Depressionen lindern, tut dem Magen gut und  der Haut, heißt es. Lorbeerblätter verleihen Schmorgerichten ein interessantes, auf milde Weise bitteres Aroma. Aber warum werden Sieger seit [&#8230;]</p>
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<li><img loading="lazy" decoding="async" class="aligncenter size-full wp-image-643" src="https://christophschmitzscholemann.de/wp-content/uploads/1992/08/full.png" alt="" width="37" height="36" /></li>
<li> </li>
</ul>
<h1 style="text-align: left;">-Alles wird anders! – Die Metamorphosen des Ovid, Folge 11: Apoll und Daphne – Liebeskunst und Lorbeerschmuck Met. I, 452–567 (01.07.22)</h1>
<h5> </h5>
<p><em>Lorbeer ist gesund, sein Öl kann Depressionen lindern, tut dem Magen gut und  der Haut, heißt es. Lorbeerblätter verleihen Schmorgerichten ein interessantes, auf milde Weise bitteres Aroma. Aber warum werden Sieger seit alters her mit Lorbeer gekrönt? Könnte man nicht genausogut Zweige von Birken oder Tannen verwenden? In den Versen 452 bis 567 des Ersten Buchs der Metamorphosen erfahren wir den Grund. Es ist eine tragische Geschichte von Liebe und Tod: Der bis zum Wahnsinn verliebte Gott Apoll verfolgt ein reizendes Mädchen, das vor ihm flieht. In dem Augenblick, da er es mit Gewalt nehmen will, verwandelt es sich in einen Baum, der seitdem den Namen des Mädchens trägt: Daphne, das griechische Wort für Lorbeer.   </em></p>
<p>Apoll, groß, stark, stolz, hatte gerade die aufgeblasene Riesenschlange Python erlegt und sich das schwarze Blut des Untiers von den göttlichen Waden gewaschen. Er schritt sauber, elastisch und wohlgestimmt aus, sog die würzige Bergluft des Parnassos-Gebirges ein, Apoll trug den Bogen über der Schulter, den Köcher mit den Pfeilen an der Seite. Möglicherweise pfiff er sogar ein Jagdlied, als ihm ein etwas mickrig geratener Mensch begegnete, der mit einem viel zu großen Bogen und viel zu langen und zu spitzen Pfeilen hantierte. Ein kleiner Junge war er, wie sich bald herausstellte, der vergeblich versuchte, den Bogen richtig aufzustellen und mit den Pfeilen ebenso ungeschickt wie stolz abwechselnd in der Luft und im Gras und Gestrüpp herumstocherte. Apoll blieb stehen, betrachtete das sonderbare Kerlchen und lachte. Was willst Du mit dem Bogen, was willst Du mit den Pfeilen, willst Du wetteifern mit mir? Der Knabe war nicht im Geringsten eingeschüchtert. „Ich bin Eros,“ sagte er, „der Sohn der Venus. Und es kann gut sein, dass Du alles triffst, was du willst. Ich aber, ich treffe <em>Dich</em>!“ Mit diesen Worten breitete das Kerlchen seine Flügel aus, flog hinauf zum  Gipfel des Parnassos und schoss zwei Pfeile ab. Einer hatte eine bleierne und stumpfe Spitze, die dazu bestimmt war, beim Aufprall jede Liebesregung zu unterbinden; damit traf er ein junges Mädchen namens Daphne, das gerade durch den Wald streifte. Mit dem anderen Pfeil, der die gegenteilige Wirkung hatte, traf er Apoll.</p>
<p>Der göttliche Mann verliebt sich natürlich sofort, er weiß nicht warum, in jenes arglose, nichts ahnende Mädchen, Tochter einer Landgottheit, schön, rätselhaft und ohne es zu ahnen verführerisch, ätherisch wie der Morgennebel über der Flussaue. Apoll sieht sie und er ist hin und weg, er wird wortreich, er säuselt und schwärmt, vor allem von sich selbst und seinen langjährigen Verdiensten und göttlichen Eigenschaften, und als sie sich nicht bequasseln lässt, versucht er, sie zu bezaubern, Arme und Schulter lässt er sehen in diskretem Muskelspiel, sucht mit offensivem, weißzahnigem Lächeln den Blick der immerzu sich abwendenden Daphne, und als sie sich nicht bezaubern lässt, will er sie verführen, und als sie sich nicht verführen lässt, da packt er sie. Sie spürt die Nähe der Gewalt, sie erschrickt, sie wird verkrampft, wird starr, sie stirbt nicht vor Angst, aber sie wird, nach und nach, zu einem Lorbeerbaum (Griechisch: Daphne). Und Apoll, erschrocken über die Wirkung seiner ungestümen Liebe, wird traurig und streicht mit der Hand über die Rinde des Lorbeerbaums und fühlt ein ganz leises warmes Pochen: Daphnes Herz.</p>
<p>Und niemals, niemals wird Apoll wieder ganz glücklich sein können. Er schmückt sich mit dem Lorbeer, er schmückt auch die Sieger bei den Wettspielen der Künstlerinnen und der Sportler mit Lorbeerkränzen, und alle wissen, dass der Lorbeer, mit dem Krieger und Künstler und Sportler geschmückt werden, nur ein Symbol ist, eine Erinnerung an den Schmerz, den sie immer wieder leiden müssen, weil sie wissen, dass sie das Ideal der Schönheit der Kunst und des Körpers nie ganz verwirklichen können.</p>
<p><em>Fortsetzung folgt</em></p>
<p>&nbsp;</p>

<p>&nbsp;</p>
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		<title>Zwischen Berg und tiefem, tiefem Tal (01.09.22)</title>
		<link>https://christophschmitzscholemann.de/zwischenbergundtiefemtiefemtal/</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[GatoMonoDesign]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 31 Aug 2022 21:01:47 +0000</pubDate>
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		<category><![CDATA[Horaz]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>  Zwischen Berg und tiefem, tiefem Tal (01.09.22)   Zwischen Berg und tiefem, tiefem Talsaßen einst zwei Hasen,fraßen ab das grüne, grüne Gras,fraßen ab das grüne, grüne Grasbis auf den Rasen. Als sie sich dann sattgefressen hatten,setzten sie sich nieder,bis daß der Jäger, Jäger kam,bis daß der Jäger, Jäger kamund schoß sie nieder. Als sie [&#8230;]</p>
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<p></p>


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<li><img loading="lazy" decoding="async" class="aligncenter size-full wp-image-643" src="https://christophschmitzscholemann.de/wp-content/uploads/1992/08/full.png" alt="" width="37" height="36" /></li>
<li> </li>
</ul>
<h1 style="text-align: left;">Zwischen Berg und tiefem, tiefem Tal (01.09.22)</h1>
<p> </p>
<p>Zwischen Berg und tiefem, tiefem Tal<br />saßen einst zwei Hasen,<br />fraßen ab das grüne, grüne Gras,<br />fraßen ab das grüne, grüne Gras<br />bis auf den Rasen.</p>
<p>Als sie sich dann sattgefressen hatten,<br />setzten sie sich nieder,<br />bis daß der Jäger, Jäger kam,<br />bis daß der Jäger, Jäger kam<br />und schoß sie nieder.</p>
<p>Als sie sich dann aufgesammelt hatten<br />und sich besannen,<br />daß sie noch am lieben Leben waren,<br />daß sie noch am lieben Leben waren,<br />liefen sie von dannen.</p>
<p>Das Lied kennt eigentlich jeder. Als ich es neulich von einem Kind gesungen hörte, kam mir auch die Frage wieder in den Sinn, die sich vermutlich viele Kinder stellen. Nämlich, wieso die Hasen nicht tot sind, nachdem sie erschossen wurden. Wurden sie vielleicht nur angeschossen? Aber niedergeschossen müsste doch eigentlich heißen, dass sie vom Schuss getroffen wurden und umfielen und dann vermutlich auch nicht mehr weglaufen konnten, was sie aber dem Lied zufolge taten. Oder wurden die Hasen gar nicht getroffen, sondern taten nur so? Es bleibt ein Rätsel. Oder genauer gesagt ein Wunder. Manchmal merkt man in größter Gefahr, entgegen aller Wahrscheinlichkeit, dass man doch noch liebes Leben hat. Dann kann man, wenn man geistesgegenwärtig ist, abhauen, irgendwohin, wo man leben kann. In Zeiten, in denen man jeden Tag das Gefühl hat, von üblen Nachrichten erschossen zu werden, ist das ein Trost. Man kann Glück haben. Das liebe Leben kann weitergehen. Und das ist vermutlich der Grund, warum das Lied nicht totzukriegen ist.</p>
<p>Bei meinen Erkundigungen im Internet, was es mit dem Lied auf sich hat, stieß ich auf einen kleinen Abschnitt aus Theodor W. Adornos »Minima Moralia«, den ich hier mit vorausgesetzter Zustimmung der Rechte-Inhaber zitieren will.</p>
<p>»Seit ich denken kann, bin ich glücklich gewesen mit dem Lied: ›Zwischen Berg und tiefem, tiefem Tal‹: von den zwei Hasen, die sich am Gras gütlich taten, vom Jäger niedergeschossen wurden, und als sie sich besonnen hatten, daß sie noch am Leben waren, von dannen liefen. Aber spät erst habe ich die Lehre darin verstanden: Vernunft kann es nur in Verzweiflung und Überschwang aushalten; es bedarf des Absurden, um dem objektiven Wahnsinn nicht zu erliegen. Man sollte es den beiden Hasen gleichtun: wenn der Schuß fällt, närrisch für tot hinfallen, sich sammeln und besinnen, und wenn man noch Atem hat, von dannen laufen. Die Kraft zur Angst und die zum Glück sind das gleiche, das schrankenlose, bis zur Selbstpreisgabe gesteigerte Aufgeschlossensein für Erfahrung, in der der Erliegende sich wiederfindet. Was wäre Glück, das sich nicht mäße an der unmeßbaren Trauer dessen was ist? Denn verstört ist der Weltlauf. Wer ihm vorsichtig sich anpaßt, macht eben damit sich zum Teilhaber des Wahnsinns, während erst der Exzentrische standhielte und dem Aberwitz Einhalt geböte. Nur er dürfte auf den Schein des Unheils, die ›Unwirklichkeit der Verzweiflung‹, sich besinnen und dessen innewerden, nicht bloß daß er noch lebt, sondern daß noch Leben ist. Die List der ohnmächtigen Hasen erlöst mit ihnen selbst den Jäger, dem sie seine Schuld stibitzt.«</p>
<p>Zitiert nach: Theodor W. Adorno: Minima Moralia. Reflexionen aus dem beschädigten Leben. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 1951</p><p>La entrada <a href="https://christophschmitzscholemann.de/zwischenbergundtiefemtiefemtal/">Zwischen Berg und tiefem, tiefem Tal (01.09.22)</a> se publicó primero en <a href="https://christophschmitzscholemann.de">Christoph Schmitz-Scholemann Textarchiv</a>.</p>
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		<title>»There’s a Bluebird in my heart« – Lyrik am Atlantikstrand (15.08.22)</title>
		<link>https://christophschmitzscholemann.de/theresdabluebirdinmyheart/</link>
		
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		<pubDate>Sun, 14 Aug 2022 21:04:27 +0000</pubDate>
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		<category><![CDATA[Horaz]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>La entrada <a href="https://christophschmitzscholemann.de/theresdabluebirdinmyheart/">»There’s a Bluebird in my heart« – Lyrik am Atlantikstrand (15.08.22)</a> se publicó primero en <a href="https://christophschmitzscholemann.de">Christoph Schmitz-Scholemann Textarchiv</a>.</p>
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<p></p>


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<li> </li>
</ul>
<h1 style="text-align: left;">»There&#8217;s a Bluebird in my heart« – Lyrik am Atlantikstrand (15.08.22)</h1>
<h5> </h5>
<p>Vendays-Montalivet (die Einheimischen sagen einfach: Monta) ist ein zauberhafter kleiner Ort an der französischen Atlantikküste. Er liegt etwa 100 Kilometer nördlich von Bordeaux, ist bekannt für seinen Strand, seine Sonne, seinen Markt, seine kommunale Bibliothek, die kleinen Läden, Cafés und Restaurants und für die freundliche und entspannte Atmosphäre, die im Sommerhalbjahr Touristen aller Altersstufen anzieht. Hier trifft sich ein internationales und vergnügungsfrohes Publikum von Individualisten, das auf Hotelburgen und All-Inclusive-Verpflegung pfeift. In diese Atmosphäre passt sehr gut »Le Cube«, ein kubisches zweistöckiges Haus direkt am Strand, einfach, geschmackvoll und überaus praktisch eingerichtet als »Coworking-Space«. Man kann sich hier einen Schreibtisch mit Internet-Anschluss mieten und mit Blick aufs Meer seiner Arbeit nachgehen.</p>
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<p>Davon machen gar nicht so wenige, vor allem junge Leute aus ganz Europa Gebrauch, die sich in der Nähe für ein paar Wochen oder Monate eine Bleibe gesucht haben und während oder nach der Arbeit Lust auf spektakuläre Sonnenauf- und Untergänge und kleine Abstecher ins Meer haben.</p>
<p>»Le Cube« ist aber mehr als ein Bürohaus. Es ist gleichzeitig ein Ort der Begegnung und der Kultur, mit staatlichen und kommunalen Mitteln gefördert.  »Le Cube« verdankt seine Lebendigkeit einem Verein aus ehrenamtlich tätigen Menschen, die nicht nur die (recht günstige) Vermietung der Arbeitsplätze managen, sondern daneben Sprachkurse, Konzerte, Ausstellungen und Gesprächsabende veranstalten. Eine Gruppe leitet den Verein: Marye Dambrun, Künstlerin und Photographin, Sabine Linères, Graphikerin, Séverine Hebert, eine gelernte Buchhändlerin, die aus dem tropischen La Réunion stammt, sowie Larissa Fuad und Paula Scholemann, die beide in dem nicht ganz so tropischen Köln geboren wurden. Ihr Angebot zielt sowohl auf touristisches Publikum als auch auf die einheimischen Bürgerinnen und Bürger. Man legt Wert auf Niveau und gleichzeitig auf eine offene und kolloquiale Atmosphäre.</p>
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<p><em>»</em><em>Le Cube</em><em>«</em><em> – Photo: Greg Bronard</em></p>
<p>Ein schönes Beispiel durfte ich am 6. Juli 2022 miterleben. »Le Cube« hatte zu einem Lyrikabend eingeladen. Jeder, der weiß, wie schwer es ist, für Lesungen selbst mit namhaften Dichtern und in großen Städten mehr als fünfzehn Zuhörerinnen zu gewinnen, ahnt: Für die Leute von »Le Cube« glich dieses Vorhaben einer Mutprobe. Deshalb hatten sich die Organisatorinnen etwas einfallen lassen. In der Einladung hieß es, jeder könne ein eigenes Gedicht und/oder ein Lieblingsgedicht aus fremder Feder mitbringen, die Sprache sei dabei egal. So war für alle klar, dass es keine Hierarchie zwischen einem Gesalbten der hohen Kunst auf der einen und dem still staunenden Publikum auf der anderen Seite geben würde, sondern dass alle etwas beitragen und miteinander ins Gespräch kommen konnten. Man war Publikum und Akteur zugleich.</p>
<p>Die Cube-Leute hofften auf zehn oder zwölf Gäste, fürchteten, es kämen vielleicht nur fünf und waren hoch überrascht, als sich fünfmal so viele einfanden und fast jeder etwas zum Vorlesen mitgebracht hatte. Und der Abend wurde auch keineswegs, wie so viele Lyriklesungen, eine Ü-70-Party; die Altersspreizung ging, nach dem Augenschein zu urteilen, von 14 bis 80. Vom Schüler bis zur pensionierten Schiffskapitänin, von der jungen Webdesignerin bis zum Vorsitzenden des örtlichen Bibliotheksvereins und neugierigen Touristen. Es gab selbstgemachte Gedichte von überraschend professioneller Machart und vor allem gut ausgesuchte Lyrik der klassischen Moderne. Die Schiffskapitänin hatte einige Zeilen über das Meer und das Leben mitgebracht, eine junge Frau aus Deutschland trug Hermann Hesses »Stufen« vor, eine Französin hatte ein Gedicht über den Markt von Montalivet dabei, eine andere begeisterte mit einem fabelhaften Bukowski-Klassiker, der Leiter des Bibliotheksvereins las einen satirischen Text über Ebbe und Flut (Le flux et le reflux) auf sehr witzige Weise vor. Und bestimmt habe ich jetzt noch einiges vergessen.</p>
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<p>Was mich am meisten beeindruckt hat, war etwas, das man bei Lesungen im professionellen Lyrikbetrieb so gut wie nie erlebt: Die Gedichte lebten. Die sie vortrugen, taten das nicht um irgendeine Form von schreiberischer Rafinesse zu zeigen oder um zu beweisen, was sie alles gelesen hatten. Die Gedichte drückten etwas aus, das ihnen am Herzen lag, das wichtig war und das sie anders nicht hätten sagen können. In einem Fall zum Beispiel handelte es sich um einen sehr liebevollen Trost für einen anderen (ebenfalls anwesenden) Menschen. Sagen wir es rundheraus: Es flossen auch Tränen. Die Poesie war kein Schmuck, sie war eine Notwendigkeit. Jeder, der etwas vortrug, gab ein Stück von seiner Seele  frei. Es entspannen sich nachdenkliche Gespräche, man lachte, trank ein Glas Wein, griff gelegentlich in die Chips und Erdnüsse, die auf dem Tisch standen, sprach Französisch, Englisch, Deutsch.</p>
<p><img loading="lazy" decoding="async" class="alignnone size-medium wp-image-3953" src="https://christophschmitzscholemann.de/wp-content/uploads/2022/08/LECUBE-4-300x226.jpg" alt="" width="300" height="226" srcset="https://christophschmitzscholemann.de/wp-content/uploads/2022/08/LECUBE-4-300x226.jpg 300w, https://christophschmitzscholemann.de/wp-content/uploads/2022/08/LECUBE-4-1024x770.jpg 1024w, https://christophschmitzscholemann.de/wp-content/uploads/2022/08/LECUBE-4-768x577.jpg 768w, https://christophschmitzscholemann.de/wp-content/uploads/2022/08/LECUBE-4.jpg 1390w" sizes="auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px" /></p>
<p>Nach etwa eineinhalb Stunden ging man auseinander und beim Abschied fragte jemand den Vorsitzenden des Bibliotheksvereins, der die kleine Satire des französischen Humoristen Raymond Devos meisterhaft vorgelesen hatte, ob es sein könne, dass Raymond Devos aus Belgien stamme. »Nein« sagte er, »unmöglich, er war Franzose, das merkt man doch!«. Dann schaute man gemeinsam bei Wikipedia nach und stellte fest, dass Devos tatsächlich in Belgien geboren wurde. Und einer sagte: »<em>Einen</em> Fehler hat jeder!«</p>
<p><img loading="lazy" decoding="async" class="alignnone size-medium wp-image-3954" src="https://christophschmitzscholemann.de/wp-content/uploads/2022/08/LECUBE-5-225x300.jpg" alt="" width="225" height="300" srcset="https://christophschmitzscholemann.de/wp-content/uploads/2022/08/LECUBE-5-225x300.jpg 225w, https://christophschmitzscholemann.de/wp-content/uploads/2022/08/LECUBE-5-768x1023.jpg 768w, https://christophschmitzscholemann.de/wp-content/uploads/2022/08/LECUBE-5.jpg 908w" sizes="auto, (max-width: 225px) 100vw, 225px" /></p>
<p>Und hier ein kleiner Querschnitt der vorgetragenen Gedichte. Die jeweils beigefügten Übersetzungen stammen von mir; sie sind als etwa willkommene Verständnishilfen gedacht und erheben keinen literarischen Anspruch.</p>
<p><strong>Charles Bukowski (1920–1994): There’s a Bluebird in my heart</strong></p>
<p>There’s a bluebird in my heart that<br />wants to get out<br />but I’m too tough for him,<br />I say, stay<br />In there, I’m not going<br />to let anybody see<br />you.</p>
<p>There’s a bluebird in my heart that<br />wants to get out<br />but I pour whiskey on him and inhale<br />cigarette smoke<br />and the whores and the bartenders<br />and the grocery clerks<br />never know that<br />he’s<br />in there.</p>
<p>There’s a bluebird in my heart that<br />wants to get out<br />but I’m too tough for him,<br />I say,<br />stay down, do you want to mess<br />me up?<br />you want to screw up the<br />works?<br />you want to blow my book sales in<br />Europe?</p>
<p>There’s a bluebird in my heart that<br />wants to get out<br />but I’m too clever, I only let him out<br />at night sometimes<br />when everybody’s asleep.<br />I say, I know that you’re there,<br />so don’t be<br />sad.</p>
<p>Then I put him back,<br />but he’s singing a little<br />in there, I haven’t quite let him<br />die<br />and we sleep together like<br />that<br />with our<br />secret pact<br />and it’s nice enough to<br />make a man<br />weep, but I don’t<br />weep, do you?</p>
<p><strong>Charles Bukowski: Da ist eine Amsel in meinem Herzen</strong></p>
<p>Da ist eine Amsel in meinem Herzen, die<br />will da raus<br />aber ich bin zu clever,<br />ich sage, bleib wo du bist, ich werde<br />dich niemandem zeigen.</p>
<p>Da ist eine Amsel in meinem Herzen,<br />die will da raus,<br />aber ich schütte sie mit Whiskey zu und inhaliere<br />Zigarettenrauch<br />und die Nutten und die Barkeeper<br />und die Typen im Supermarkt<br />erfahren niemals,<br />dass sie<br />da drinnen ist.</p>
<p>Da ist in eine Amsel in meinem Herzen,<br />die will da raus,<br />aber ich bin zu clever für sie,<br />ich sag,<br />bleib gefälligst drin, willst du mich<br />ruinieren?<br />Willst du mein Lebenswerk<br />vermasseln<br />und meine Verkaufszahlen in Europa<br />in den Keller jagen?</p>
<p>Da ist eine Amsel in meinem Herzen,<br />die will da raus,<br />aber ich bin zu clever, ich lass sie nur<br />nachts raus, manchmal<br />wenn alle schlafen,<br />ich sag ihr, ich weiß genau dass du da bist,<br />also bitte, sei nicht<br />traurig. </p>
<p>Dann tu ich sie wieder zurück,<br />aber sie singt ein bißchen<br />da drin, ich hab’s nicht geschafft, sie ganz<br />sterben zu lassen<br />und wir schlafen zusammen so wie<br />dass<br />wir einen Geheimvertrag haben<br />und das ist schön genug,<br />dass es einen Mann<br />zum Weinen bringen könnte,<br />aber ich weine nicht,<br />du etwa?</p>
<p><strong>Jules Supervielle (1884–1960): La mer secrète</strong></p>
<p>Quand nul ne la regarde,<br />La mer n’est plus la mer,<br />Elle est ce que nous sommes<br />Lorsque nul ne nous voit.<br />Elle a d’autres poissons,<br />D’autres vagues aussi.<br />C’est la mer pour la mer<br />Et pour ceux qui en rêvent<br />Comme je fais ici.<strong> </strong></p>
<p><strong>Jules Supervielle: Das geheime Meer</strong></p>
<p>Wenn niemand es anschaut,<br />Ist das Meer nicht länger das Meer,<br />Es ist das, was wir sind,<br />Wenn uns niemand sieht.<br />Es hat andere Fische,<br />Auch andere Wellen.<br />Es ist das Meer für das Meer<br />Und für die, die von ihm träumen,<br />So wie ich gerade.</p>
<p><strong>Danièle Garcia (habite à Montalivet): Monta mythique</strong></p>
<p>Le jazz au bar à vin trompette et fait la fête.<br />Gilet, chemise blanche et chapeau mal paillé,<br />Un jeune Miles Davis enflamme le marché<br />D&#8217;un vieux swing de Harlem. Debout à la buvette<br />On boit, collé serré, le rubis du vignoble.<br />L&#8217;ambre et l&#8217;or dans les verres clignent et aux tables,<br />Par douzaines les huîtres pleurent, délectables,<br />Leurs larmes d&#8217;océan. Un air de paso doble<br />A sa bouche écarlate et une fleur de feu<br />Dans ses cheveux de nuit, l&#8217;Andalouse aux yeux noirs<br />Depuis mille ans nous sert, les doigts en encensoirs,<br />Son divin taboulé dans son cabanon bleu.<br />Les senteurs des rôtisseries, des salaisons<br />Se mêlent aux encens des étals et s&#8217;écoule<br />En un ras-de-marée bienheureux une houle<br />D&#8217;estivants demi-nus, dorés comme brugnons.<br />[&#8230;]<br />Hamacs, miroirs et cuirs côtoient des matelas.<br />On fouille des monceaux de vêtements en vrac.<br />Chacun trouve sa perle et enfouit dans son sac<br />Le fabuleux trésor, se laisse à chaque pas<br />Emporter par le flot brûlant, voluptueux<br />De l&#8217;été à Monta et les cœurs enivrés,<br />Les rires, les accents, tous les corps emmêlés<br />Au même lit se baignent. Nobles comme gueux<br />Chaque matin se ruent vers les rites païens<br />Du grand sabbat marin au charme ensorceleur,<br />Puisent dans les allées leur pesant de bonheur,<br />Prennent un bain d&#8217;humanité, heureux bohémiens.  </p>
<p>Montalivet, dimanche 29 août 2021</p>
<p><strong>Danièle Garcia (lebt in Montalivet): Mythisches Monta</strong></p>
<p>Der Jazz in der Weinbar trompetet und feiert ein Fest.<br />Weste und weißes Hemd, abgewetzter Strohhut,<br />Ein junger Miles Davis entflammt den Markt<br />Mit einem alten Harlem-Swing. Man steht an der Bar<br />Dicht an dicht, man klebt aneinander und trinkt den<br />Rubin des Weinbergs. Bernstein und Gold – es blinkt in den Gläsern<br />Und an den Tischen weinen die köstlichen Austern zu Dutzenden<br />Tränen des Ozeans. Eine Paso-Doble-Melodie<br />Auf ihrem scharlachroten Mund und eine feurige Blume<br />Im nächtlichen Haar: Die Andalusierin tritt auf,<br />Schwarzäugig. Seit tausend Jahren serviert sie,<br />Die Fingerspitzen vom köstlichen Weihrauch verwöhnt,   <br />Ihr göttliches Taboulé in der blauen Hütte.<br />Düfte gebratenen Fleischs und gepökelter Schinken,<br />Vermischt mit den Räucherkerzengerüchen vom Strand,<br />Es umfließt uns in einer glückseligen Flut ein Schwall<br />Von halbnackten Sommergästen, golden wie Nektarinen.<br />[&#8230;]<br />Hängematten, Spiegel und Lederfetzen neben Matratzen.<br />Man wühlt in Gebirgen von losen Kleidungsstücken.<br />Niemand, der hier nicht fündig würde und seine Perle<br />Nicht rasch vergrübe in seiner Tasche, den kostbaren Schatz.<br />Mitgerissen wirst du, Schritt für Schritt von der wollüstigheißen<br />Flut des Sommers in Monta, die Herzen berauschen sich gern,<br />Das Lachen, das Sprachengewirr, die fremden Akzente,<br />Und alle Körper baden im selben Bett, verwickelt,<br />Die Vornehmen und die Proleten, sie stürzen sich<br />Jeden Morgen von Neuem in ihre heidnischen Riten.<br />Ein großer Meeressabbat und sein betörender Zauber, alles<br />Gewinnt in den Gassen und Wegen das schwere Gewicht endlosen<br />Glücks: Das Bad in der Menschlichkeit, glücklich sind wir, glückliche Bohemiens.</p>
<p>Montalivet, Sonntag, 29. August 2021</p>
<p><strong>Ulrike Brune: Eifel, im kleinen Hof</strong></p>
<p>Wenn ich<br />in dem kleinen Hof sitze<br />mit den hohen alten Mauern<br />über mir nur ein Stück vom Himmel<br />und das lichte Dach des Blauregens<br />und ein Sonnenstrahl schafft es<br />mein Gesicht zu wärmen<br />dann ist es Sommer<br />in meiner Eifel.</p>
<p><strong>Ulrike Brune: Eifel*, dans la petite cour</strong></p>
<p>Quand je suis<br />assis dans la petite cour<br />avec les hauts murs anciens<br />au-dessus de moi, il n&#8217;y a qu&#8217;un bout de ciel<br />et le toit clairsemé du bleuet<br />et qu&#8217;un rayon de soleil parvient à<br />réchauffer mon visage<br />alors c&#8217;est l&#8217;été<br />dans mon Eifel.</p>
<p>* L&#8216;<em>Eifel </em>est une moyenne montagne allemande située à l&#8217;est des Ardennes ; elle est connue pour son bon air, son brouillard abondant et son très faible ensoleillement. On ne sait pas si le constructeur de la tour Eiffel (Gustave Eiffel) avait des ancêtres ici.</p>
<p><strong>Hermann Hesse (1877–1962): Stufen</strong></p>
<p>Wie jede Blüte welkt und jede Jugend<br />Dem Alter weicht, blüht jede Lebensstufe,<br />Blüht jede Weisheit auch und jede Tugend<br />Zu ihrer Zeit und darf nicht ewig dauern.<br />Es muß das Herz bei jedem Lebensrufe<br />Bereit zum Abschied sein und Neubeginne,<br />Um sich in Tapferkeit und ohne Trauern<br />In andre, neue Bindungen zu geben.<br />Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne,<br />Der uns beschützt und der uns hilft, zu leben.</p>
<p>Wir sollen heiter Raum um Raum durchschreiten,<br />An keinem wie an einer Heimat hängen,<br />Der Weltgeist will nicht fesseln uns und engen,<br />Er will uns Stuf´ um Stufe heben, weiten.<br />Kaum sind wir heimisch einem Lebenskreise<br />Und traulich eingewohnt, so droht Erschlaffen;<br />Nur wer bereit zu Aufbruch ist und Reise,<br />Mag lähmender Gewöhnung sich entraffen.</p>
<p>Es wird vielleicht auch noch die Todesstunde<br />Uns neuen Räumen jung entgegen senden,<br />Des Lebens Ruf an uns wird niemals enden,<br />Wohlan denn, Herz, nimm Abschied und gesunde!</p>
<p><strong>Anonyme: Les leurs ou les tiens?</strong></p>
<p>Si tu pousses tes enfants,<br />Ils perdront l’équilibre.<br />Si tu les fais toujours courir d’un côté à l’autre,<br />Ils n’iront nulle part.<br />Si tu les mets sous les feux des projecteurs,<br />Ils seront incapables de voir leur propre lumière.<br />Si tu cherches à leur imposer tes idées<br />sur ce qu’ils devraient être,<br />Ils ne seront rien.<br />Si tu veux qu’ils grandissent,<br />Fais ce que tu peux pour leur sécurité<br />Puis lâche prise.</p>
<p><strong>Anonym: Gehören sie sich oder gehören sie Dir?</strong></p>
<p>Wenn Du Deine Kinder herumstößt,<br />Verlieren sie das Gleichgewicht.<br />Wenn Du sie immerzu hierhin und dorthin schickst,<br />Gehen sie nirgendwohin.<br />Wenn Du sie ins Rampenlicht stellst,<br />Werden sie blind für ihr eigenes Licht.<br />Wenn Du versuchst ihnen Deine Idee<br />Von dem, was sie werden sollen, aufzuzwingen,<br />Werden sie gar nichts werden.</p>
<p>Wenn Du möchtest, dass sie wachsen,<br />Tu alles, um ihnen Sicherheit zu geben.<br />Und dann lass sie los.</p>
<p><strong>Jacques Prévert (1900–1970): Quand la vie est un collier&#8230;</strong></p>
<p>Quand la vie est un collier<br />Chaque jour est une perle<br />Quand la vie est une cage<br />Chaque jour est une larme<br />Quand la vie est une forêt<br />Chaque jour est un arbre<br />Quand la vie est un arbre<br />Chaque jour est une branche<br />Quand la vie est une branche<br />Chaque jour est une feuille<br />Quand la vie est la mer<br />Chaque jour est une vague<br />Chaque vague une plainte<br />Une chanson un frisson&#8230;</p>
<p><strong>Jacques Prévert: Wenn das Leben eine Kette ist…</strong></p>
<p>Wenn das Leben eine Kette ist,<br />Ist jeder Tag eine Perle.<br />Wenn das Leben ein Käfig ist:<br />Jeder Tag eine Träne.<br />Wenn das Leben ein Wald ist:<br />Jeder Tag ein Baum.<br />Wenn das Leben ein Baum ist:<br />Jeder Tag ein Zweig.<br />Wenn das Leben ein Zweig ist:<br />Jeder Tag ein Blatt.<br />Wenn das Leben das Meer ist,<br />Ist jeder Tag eine Welle,<br />Jede Welle eine Klage<br />Und dieses Lied ein Seufzer…</p>
<p>Der kurze Text »Le flux et le reflux“ von <strong>Raymond Devos </strong>ist – jedenfalls für mich – nicht angemessen ins Deutsche übersetzbar. Wer gut Französisch kann findet bei youtube: <em>https://www.youtube.com/watch?v=7y_vCTeFTI8 </em>eine hübsche Version.</p>
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		<title>Manchmal sind Äußerlichkeiten entscheidend für den Erfolg (01.08.22)</title>
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		<dc:creator><![CDATA[GatoMonoDesign]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 31 Jul 2022 16:07:09 +0000</pubDate>
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<li> </li>
</ul>
<h1 style="text-align: left;">Manchmal sind Äußerlichkeiten entscheidend für den Erfolg (01.07.22)</h1>
<h5> </h5>
<p>Als ich mich vor mittlerweile 40 Jahren in Düsseldorf um eine Stelle als Arbeitsrichter bewarb, hatte ich mich wie jeder Aspirant einer Kommission von höheren Beamten und Richtern vorzustellen (nur Männer damals). Das Gespräch verlief angenehm, ich hatte das sichere Gefühl fachlich eine gute Figur gemacht zu haben und war daher nicht überrascht, dass ich alsbald eingestellt wurde. Kurz nach meiner Pensionierung begegnete ich bei einem arbeitsrechtlichen Kongress einem der Herren, die seinerzeit über meine Bewerbung zu entscheiden hatten. Auf meine Frage, was denn den Ausschlag für mich gegeben habe, sagte er: »Ihr Jackett! Es war dermaßen gestreift und kariert, dass wir uns dachten, wer sich traut, mit so einer Clownsjacke zu erscheinen, hat auf jeden Fall die für das Richteramt nötige Courage.«</p>
<p>Dass meine fachliche Qualifikation weniger Eindruck als meine Kleidung gemacht hatte, betrübte mich. Außerdem war das karierte Jackett damals mein einziges, ich hatte es eigens als in meinen Augen besonders edles Teil für das Vorstellungsgespräch gekauft. Später habe ich diesem und allen weiteren karierten Jacketts, die ich noch kaufen sollte, ein trotziges Gedicht gewidmet. Es lautet so:</p>
<p>Mein Jackett</p>
<p>Mein Jackett ist breit in den Schultern,<br />schwere englische Wolle, du riechst<br />die Schafe, aufgesetzte Taschen,<br />einreihig geknöpft, es ist Platz darin<br />wie in einer Altbauwohnung,<br />die Odyssee geht zweisprachig rein,<br />dazu noch ein Apfel, ein Notizbuch<br />und Tabak.</p>
<p>Mein Jackett ist immer hungrig,<br />es frisst Feuerzeuge und Zettel,<br />Bleistifte und Streichhölzer,<br />Visitenkarten, Adressen,<br />Zeitungsausschnitte, kleine Frauen<br />und Kronkorken aller Altersstufen,<br />mein Jackett ist gestreift und kariert und ein<br />Königreich.</p>


<p></p>
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